"Apostel" auf dem Friedhof Lietzen  

 

Wer sich auf dem Lietzener Dorffriedhof umsieht, dem fallen vielleicht ein paar merkwürdige Gestalten an der Südmauer auf. Dies ist ihre Geschichte:

 

Als das alte Glockengerüste der Lietzener Dorfkirche abgebaut und erneuert wurde, legten die Zimmerleute die Balkenteile, die sie herausgesägt hatten, vor dem Turm ab. Die Kreuzverbinder aber stellten sie an die Kirchenmauer. Dort sah ich sie stehen, erkannte in ihnen Zeichen für menschliche Figuren. Die Eisenreste und Verschraubungen der Glockenaufhängung  sahen mich an wie Gesichter. Und das sollte als Brennholz enden? In meiner Fantasie bildete sich aus den Balken eine Figurengruppe: vier Kreuzbinder, vier Personen — das konnten doch nur  Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die vier Evangelisten sein! Jetzt war an Brennholz nicht mehr zu denken. Wäre es nicht schön, sie in der Nähe der Kirche, also auf dem Friedhof, aufzustellen? Ich besprach meine Idee mit unserer Pastorin, die erst einmal nicht dagegen war. Gemeinsam mit einem Nachbarn stellten wir die Balken, die ich für die Gruppe verwenden wollte, in der Kapelle unter. Ein paar Wochen später half mir ein Freund beim Transport der Balken auf den Kunsthof Lietzen. Dort stellte ich sie an einer Backsteinmauer auf, so wie ich sie mir als Gruppe vorstellte, und machte ein Foto. Das zeigte ich dem Gemeindekirchenrat, erläuterte mein Vorhaben und bekam zu meiner großen Freude einhellige Zustimmung. Nun konnte ich an die Bearbeitung der Holzteile gehen: schleifen, mehrfach imprägnieren – das dauerte seine Zeit. Als es ans Aufstellen der Figuren ging, brauchte ich dringend Hilfe und bekam sie auch durch einige unserer Gemeindemitglieder. Herr Wilde aus Marxdorf hatte nicht nur die wunderbare Idee, Sandsteinblöcke vom Marxdorfer Friedhof als Sockel zu verwenden. Er brachte sie auch selbst mit seinem Firmenauto zum Friedhof. Dabei bestimmten wir den endgültigen Standort der Gruppe. Lutz Boos aus Lietzen und seine Mitarbeiter bauten ein solides Fundament für die Sandsteinblöcke. Darauf kam der Trägerbalken und darauf die vier Evangelisten — gut verankert durch Metallzapfen. Ich freue mich und bin dankbar, dass die Idee durch gemeinschaftliches Handeln verwirklicht werden konnte. Nun stehen sie da — künstlerisch ein Brückenschlag zwischen Mittelalter und Moderne, vertraut und etwas befremdlich zugleich – bereit für einen Dialog über Leben, Sterben und Glauben.